Gesellschaft der Orgelfreunde

Altenberg bei Wetzlar, ehem. Klosterkirche

Die Kirche des ehemaligen Praemonstratenserinnen-Klosters wurde gegen 1300 vollendet. Auf der Brüstung der im Westen des Langhauses liegenden großen Nonnenempore steht die heutige Orgel, die dritte nach den Neubauten von 1452 und 1653. Sie wurde (lt. Inschrift auf einem Zettel in einem der drei Keilbälge) 1757 durch Johann Wilhelm Schöler aus Bad Ems gebaut und 1758 aufgestellt.

Joh. Wilhelm Schöler (um 1723 - 1793) und sein Sohn Christian Ernst (1756 - 1832) lieferten Orgeln hauptsächlich in den nordwestlichen Teil des Taunus, einzelne Orgeln aber auch bis nach Köln-Mülheim, Hilden und Duisburg. Gut erhaltene Schöler-Orgeln im Taunus finden sich in Klingelbach, Zorn und Niedermeilingen; weiter entfernt davon sind Büttelborn bei Darmstadt, und Gemünden im Westerwald. Da Schölers erstes Werk 1748 entstanden ist, gehört die Orgel von Altenberg noch in seine frühe Schaffensphase.

Eine Besonderheit der Altenberger Orgel, die sie von den genannten Schöler-Orgeln unterscheidet, ist ihre Bestimmung für eine Klosterkirche. Sie hatte keinen Gemeindegesang zu begleiten, sondern sie übernahm in Messe und Offizium bei der Ausführung des gregorianischen Chorals die Funktion eines Halbchors im Wechsel mit dem einstimmigen liturgischen Gesang. Der Orgel fielen hierbei kurze Versetten, meist ohne Cantus firmus, zu. Hieraus ergibt sich, dass sie nicht die gleiche Lautstärke aufweisen musste wie eine Orgel, die für Begleitung einer singenden Gemeinde bestimmt ist. Das macht einen Teil des für die Altenberger Orgel Typischen aus: eine vielfältige, im ganzen sehr liebliche, ja verhaltene Klanglichkeit, zu der das niedrige Hauptwerk-Gehäuse beiträgt, das sich stärker als sonst üblich der Größe der Pfeifen anschmiegt. Analog dazu ist beim Unterwerk der Prospekt oberhalb der Pfeifenenden geschlossen.

Die zweite Besonderheit der Altenberger Orgel ist, dass sie praktisch unverändert erhalten geblieben ist in der Form, die man ihr im 18. Jahrhundert in zwei Schüben gegeben hat: Vermutlich schon 1766 wurden im Unterwerk einige Register erneuert, sonderbarerweise in der Bauart der Werkstatt Stumm. Die Umstände sind ungeklärt. An die Stelle einer in jeder Oktave auf f und c repetierenden Cimbel trat eine Mixtur 1' 3fach mit Repetition auf g° und g¹; die Zungenregister Vox humana 8' und Vox angelica 4' Bass wurden durch eine neue Vox humana in der für Stumm typischen Bauweise und eine Rohrflöte 4' ersetzt. Nach der Säkularisierung des Klosters im Jahre 1802 wurden Kirche und Orgel gelegentlich für evangelische Gottesdienste genutzt. Arbeiten an der Orgel ohne Angabe näherer Einzelheiten sind durch Inschriften belegt für 1804 (Gebr. Bürgy), 1881 (Wilhelm Raßmann) und 1903 (August Hardt). Eingreifende technischen Änderungen wurden jedoch nicht mehr vorgenommen. Zungenstimmen und Balganlage blieben samt der ungleichstufigen Stimmung erhalten. 1976 erfolgte eine Überholung durch die Firma Gebr. Oberlinger, Windesheim.

Da die Orgel noch weitgehend im Zustand des 18. Jahrhunderts geblieben ist, lässt sich an ihr musikalich und technisch besonders gut das Typische einer Orgel des 18. Jahrhunderts in der Lahn-Region studieren. In Hessen weist nur noch die Östreich-Orgel zu Nieder-Moos im Vogelsberg fast den gleichen Grad unverfälschter Originalität auf.

Da man 1976 mit den alten Technologien noch nicht sehr vertraut war, wurde damals die Instandsetzung so behutsam wie möglich ausgeführt, um Schäden durch ein Falsch oder Zuviel zu vermeiden. Das bedeutete, dass nicht alles zum Erhalt des Instruments Nötige getan werden konnte. Bei späteren Wartungen wurden noch einige handwerkliche Fehler gemacht. Nach nunmehr 25 Jahren machte die Verschmutzung des Orgelinneren eine Reinigung notwendig. Nun war es möglich, die in der Zwischenzeit gemachten Erfahrungen zu nutzen und das Instrument eingehend zu revidieren und zu überarbeiten. Auch wenn keine Bestandteile verloren gegangen waren, entspricht die Summe von Instandsetzungsarbeiten an allen Teilen im Gesamtergebnis dem einer Restaurierung. Die Arbeiten wurden durch die Firma Förster & Nicolaus, Lich, 2000-01 ausgeführt.

Der umfangreiche Restaurierungsbericht belegt eine Vielzahl von meist kleinen, aber wichtigen Instandsetzungen, von denen hier nur einige erwähnt seien: Schadhafte Einzelteile wurden in gleicher Konstruktion ersetzt. Die Windladen erhielten Schleifendichtungen aus Kerntuch, um die Folgen klimatisch bedingter Schwankungen der Luftfeuchtigkeit auszugleichen. Verformungen an den Füßen und Labien der Metallpfeifen wurden rückgängig gemacht. Eingesunkene Trompetenbecher wurden gerichtet. Alle technischen Einzelheiten wurden derart überarbeitet, dass sie wieder der ursprünglichen Qualität entsprechen. Erst dadurch war es möglich, auch den Klang wieder dem originalen zuverlässig anzunähern. Nach dem Ausformen der Prospektpfeifen ergaben sich Anhaltspunkte für eine ungleichstufige Temperierung, die allerdings keiner der bekannten historischen Formen entsprach. Durch Probieren wurde jene Fassung ermittelt, welche die geringsten Korrekturen benötigte. So hat die Orgel jetzt gerade hinsichtlich der Temperierung wieder ihre authentische, unverwechselbar individuelle Sprache gefunden.

Die Altenberger Orgel ist zweimanualig, was im 18. Jahrhundert in dieser Gegend ungewöhnlich war. Nur größere Stadt- oder Klosterkirchen erhielten zweimanualige Instrumente. Beide Manualwerke stehen vorn an der Brüstung übereinander. Oben sind die Prospektpfeifen des Hauptwerks mit dem Principal 8' zu sehen, darunter die des Unterwerks mit Principal 4'. Diese Anordnung ist typisch für den Mittelrhein. Die akustisch gleich günstige Stellung beider Manualwerke in der Brüstung wird bezahlt mit der Notwendigkeit, die Spielanlage seitlich anzuordnen. Das Pedal ist nur für gehaltene Basstöne zuständig und verfügt deshalb lediglich über 13 Tasten. Die Pfeifen des Pedals sind hinter den Manualwerken angeordnet.

Die Orgel verfügt in beiden Manualen über einen Principalchor. Dazu kommen Gedackte, Flöten und Streicher. Die Streicher sind bis zur 2'-Lage besetzt; der 2' repetiert im Gegensatz zur Praxis der Stumm nicht. Mit diesen Registern lässt sich im leisen Bereich äußerst differenziert musizieren. Ihre zarten, besinnlichen Farben sind besonders charakteristisch für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die noch erhaltenen drei Zungenregister Trompete, Vox humana und Posaune sind wichtige Dokumente für Bauweise und Klang solcher Stimmen aus dem 18. Jahrhundert.

 

II. HAUPTWERK · C - c³

Principal

8'

      

Ganz im Prospekt.

Bourdon grand

16'

      

Holz, gedeckt. C - h¹ Fichte; c² - c³ Eiche. Deckel Birnbaum. Vorschläge C - h° Eiche; ab c¹ Birne. Füße Buche.

Viol di Gamba

8'

Octav

4'

Salicional

4'

      

Konisch. Stockbeschriftung: "gembs[horn]".

Gedackt

8'

      

Holz, gedeckt.

Quint

3'

Superoctav

2'

Tertz

1 3/5'

Mixtur 3fach

1'

      

 

C:

1'

2/3'

1/2'

c°:

2'

1 1/3'

1'

c¹:

4'

2 2/3'

2'

c²:

8'

5 1/3'

4'

Trompett B/D

8'

I. UNTERWERK

Principal

4'

      

Ganz im Prospekt.

Flaut travers

8'

      

C - h° aus Hohlpfeif 8', ab c¹ selbständig, Holz offen (Körper Eiche; Deckel, Kern und Vorschlag Birnbaum. Stimmdeckel von Metall. Die Pfeifen haben in Körpermitte je ein mit Papier zugeklebtes Überblasloch von 3 mm Ø).

Hohlpfeif

8'

      

Gedeckt, Baß Holz (Fichte, Kerne oben Birne/unten Eiche, Füße Buche), Diskant Metall. Stockbeschriftung [Bour]don/Quintden.

Nazard

3'

      

Konisch.

Salicional

2'

      

Ohne Repetition.

Mixtur 3fach

1'

      

Bauweise: Friedrich Carl Stumm.

C:

1'

2/3'

1/2'

g°:

2'

1 1/3'

1'

g¹:

4'

2 2/3'

2'

Registerzugstange bezeichnet mit "Cimbel". Repetitionspunkte lt. Stock: F, c°, f°, c¹, f¹, c².

Rohrflaut

4'

      

Bauweise: Friedrich Carl Stumm. Stockbeschriftung: "Vox humana 8' Bass".

Vox humana D/B

8'

      

Bauweise: Friedrich Carl Stumm. Stockbeschriftungen: "Vox humana D." u. "Voxang[elica] 4' Bass".

PEDAL · C - c°

Sub Bass

16'

      

Holz (Fichte, Füße Buche, Kern u. Vorschlag Eiche), gedeckt.

Principal Bass

8'

      

Holz (Fichte, Füße Buche, Kern u. Vorschlag Eiche), offen.

Octav Bass

4'

      

Holz (Fichte, Füße Buche, Kern u. Vorschlag Eiche), offen.

Posaunen Bass

16'

      

Holz (auch die Kehlen).

 

Tremulant (Kanaltremulant).
Ventilzug (Hauptwerkslade).

3 Spanbälge (288,5 x 145 cm entsprechend 10' x 5') in Balghaus rechts hinter dem Werk. Winddruck: 68 mm WS.

Registerschilder: 18. Jahrhundert, mit den Registernamen des von Stumm geschaffenen Zustands.

Pfeifenwerk: Mit Ausnahme der drei Register in Bauart Stumm von Schöler.

Stimmtonhöhe: a¹ = 410,64 Hz bei 15 °C (119,5 Cents [6/5 Halbton] tiefer als 440 Hz).

Martin Balz [Ars Organi 49, 2001, S. 235-239. Internet-Fassung.]

   Impressum